AD(H)S

Definition, Diagnostik und Erscheinungsformen

ADHS ist die „häufigste psychiatrische Störung der Kindheit. Die Häufigkeitsschätzzahlen liegen bei 4-8% der Kinder, wobei international von noch höheren Zahlen, nämlich 8-12% der Kinder dieser Welt, ausgegangen wird.“ (Eitle 2006, 12)

ADHS ist unabhängig von der Kultur und ebenso in allen Schichten existent.

Aufmerksamkeitsstörungen gehen mit unaufmerksamen Verhaltensweisen einher. Eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit sowie im psychosozialen Verhalten sind erkennbar. Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen weisen häufig schlechte Schulleistungen auf. Das Klassenziel wird teilweise nicht erreicht. Zudem sind die Interaktionen zwischen Eltern und Kind ebenfalls häufig belastet.

Zum Symptomkomplex der geringen Aufmerksamkeit und Ausdauer kommt häufig auch hyperaktives und impulsives Verhalten hinzu. Die hyperaktive oder impulsive Komponente ist jedoch nicht immer vorhanden. Der Begriff „Aufmerksamkeitsstörungen“ wird oft als Oberbegriff für die verschiedenen Subtypen von Aufmerksamkeitsstörungen verwendet.

Für die Diagnosestellung und die Einleitung therapeutischer Maßnahmen ist die Unterscheidung zwischen dem Vorhandensein oder Fehlen von Hyperaktivität von Bedeutung. Besteht zusätzlich zur Aufmerksamkeitsproblematik hyperaktives Verhalten, spricht man von ADHS, fehlt die hyperaktive Komponente, spricht man von ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Störung).

Eine entsprechende Diagnose erstellen z.B. MedizinerInnen mit entsprechender psychiatrischer Zusatzausbildung, PsychotherapeutInnen für Kinder und Jugendliche oder Psychologische PsychotherapeutInnen. Die Orientierung erfolgt anhand wissenschaftlicher Leitlinien. Es ist sinnvoll Fragebögen von ErzieherInnen, LehrerInnen und Eltern ausfüllen zu lassen, um ein umfassendes Bild zu erlangen.

Im Jahre 2002 wurde durch das BMGS (Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung) eine Eignung zur Diagnose und Behandlung von ADHS festgelegt.

Laut BMGS sind eine umfassende Diagnostik und Differenzialdiagnostik anhand der Klassifikationsschemata ICD-10 oder DSM-IV für die Diagnosestellung erforderlich.

ADHS im DSM-IV

Das DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) ist die vierte Version eines weltweit angewandten Klassifikationssystems für psychische Störungen, das im Jahre 1994 erstmals von der American Psychiatric Association herausgegeben wurde. Es handelt sich um Kriterienlisten, die als Richtlinien gelten und für die Diagnosestellung zu verwenden sind. Im DSM-IV wird ADHS aus den Symptombereichen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität definiert (vgl. Saß et al 2003).

Das beobachtete Verhalten muss seit mindestens sechs Monaten bestehen, nicht mit dem Entwicklungsstand des Kindes zu vereinbaren sein und als unangemessen beurteilt werden.

Der Bereich der Unaufmerksamkeit ist durch folgende Kriterien definiert:

  1. „beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei der Arbeit oder anderen Tätigkeiten,
  2. hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder Spielaktivitäten aufrechtzuerhalten,
  3. scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere ihn/sie ansprechen,
  4. führt häufig Anweisungen anderer nicht vollständig aus und kann Schularbeiten, andere Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu Ende bringen (nicht aufgrund oppositionellen Verhaltens oder von Verständnisschwierigkeiten),
  5. hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben oder Aktivitäten zu organisieren,
  6. vermeidet häufig, hat eine Abneigung gegen oder beschäftigt sich häufig nur widerwillig mit Aufgaben, die länger andauernde geistige Anstrengungen erfordern (wie Mitarbeit im Unterricht oder Hausaufgaben),
  7. verliert häufig Gegenstände, die für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt werden (z.B. Spielsachen, Hausaufgabenhefte, Stifte, Bücher oder Werkzeug),
  8. lässt sich öfter durch äußere Reize leicht ablenken,
  9. ist bei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich“ (ebd. S. 62f).

Die folgenden Punkte 1-6 sind Kriterien, die dem Symptombereich Hyperaktivität zugeordnet sind. Die Kriterien 7-9 umschreiben die Impulsivität:

  1. „zappelt häufig mit Händen oder Füßen oder rutscht auf dem Stuhl herum,
  2. steht in der Klasse oder in anderen Situationen, in denen Sitzenbleiben erwartet wird, häufig auf,
  3. rennt häufig herum oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist,
  4. hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen,
  5. ist häufig „auf Achse“ oder handelt oftmals, als wäre er/sie „getrieben“,
  6. redet häufig übermäßig viel,
  7. platzt häufig mit Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist,
  8. kann nur schwer warten, bis er/sie an der Reihe ist,
  9. unterbricht und stört andere häufig (platzt z.B. in Gespräche oder in Spiele anderer hinein)“ (ebd. S. 63).

Für beide Bereiche gilt, dass mindestens sechs Kriterien zutreffen müssen, damit Unaufmerksamkeit bzw. Hyperaktivität und Impulsivität diagnostiziert werden dürfen.

Weiterhin müssen einige Symptome schon vor dem siebten Lebensjahr aufgetreten sein und aktuell in mindestens zwei Lebensbereichen auftreten.

Nicht alle Kinder zeigen gleichzeitig Auffälligkeiten in allen drei Problembereichen. Die Unaufmerksamkeit ist bei einigen Kindern stärker und bei anderen wiederum schwächer ausgeprägt. Es gibt Kinder, deren Unaufmerksamkeit stark ausgeprägt ist, die jedoch geringe oder keinerlei Hyperaktivität oder impulsives Verhalten zeigen, und andersherum. Die Kinder unterscheiden sich in ihrem Verhalten deutlich. Um eine genauere Beschreibung dieser Subgruppe vorzunehmen können, wurden im DSM-IV Subtypen bestimmt:

  • F90.0 = Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Mischtypus
  • F98.8 = Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei vorherrschender Unaufmerksamkeit
  • 90.1 = Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei vorherrschender Hyperaktivität und Impulsivitä

Weiterhin können eine „Teilremittierte Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“ (nicht alle Symptome werden zum gleichen Zeitpunkt gezeigt) und eine „Nicht näher bezeichnete Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“ (F90.9) diagnostiziert werden. Unter letztgenannter Diagnose werden Kinder, Jugendliche und Erwachsene zusammengefasst, die nur einige Symptome der Störung zeigen, jedoch nicht die erforderliche Anzahl der Kriterien aufweisen oder bei Beginn der Störung bereits sieben Jahre oder älter waren (ebd. S. 63-65).

Eine Aufmerksamkeitsstörung darf jedoch nicht diagnostiziert werden, wenn Verhaltensauffälligkeiten durch andere Störungen bedingt sind, wie beispielsweise depressive Störungen, Angststörungen, psychotische Störungen oder autistische Störungen.

Diagnosekriterien des ICD-10

Ein zweites Klassifikationssystem wurde von der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, im Jahr 1992, publiziert. Die Kriterien des ICD-10 (International Classification of Diseases), Internationale Klassifikation der Krankheiten, unterscheiden sich nur geringfügig von denen des DSM-IV. Des Weiteren gibt es keine Kriterienliste bzw. das notwendige Vorhandensein einer gewissen Anzahl erfüllter Kriterien. Die Symptomatik wird stattdessen auf der Verhaltensebene beschrieben.

Im ICD-10 werden „hyperkinetische Störungen“ mit F90 kodiert. Bezüglich der Untergliederung hyperkinetischer Störungen herrscht weiterhin Unsicherheit (WHO 2010, S. 317). Bei Erfüllung der entsprechenden Merkmale wird die Diagnose „Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung“ vergeben, die mit F90.0 kodiert wird. Für die Diagnosestellung müssen eine beeinträchtigte Aufmerksamkeit und Hyperaktivität vorhanden sei.

Beschreibung der beeinträchtigten Aufmerksamkeit:

  • Aufgaben werden vorzeitig abgebrochen und Tätigkeiten nicht beendet.
  • Die Kinder wechseln häufig von einer Aktivität zur anderen. Das Interesse an einer
  • Aufgabe ist nicht über einen längeren Zeitraum konstant.
  • Die Ausdauerdefizite sind im Verhältnis zum Alter und Intelligenzniveau des Kindes sehr stark ausgeprägt.

Beschreibung der Hyperaktivität bzw. Überaktivität:

  • exzessive Ruhelosigkeit in Situationen, die relative Ruhe verlangen.
  • Herumlaufen oder Aufstehen in Situationen, in denen zum Sitzenbleiben aufgefordert wurde
  • ausgeprägte Mitteilungsbedürftigkeit oder „Zappeln“

Die folgenden Merkmale findet man gelegentlich bei ADHS. Diese stützen die Diagnose:

  • Distanzlosigkeit in sozialen Beziehungen
  • Unbekümmertheit in gefährlichen Situationen
  • Unterbrechen und Einmischen von Aktivitäten anderer Menschen
  • vorschnelles Beantworten noch nicht vollständig gestellter Frage

Soll die Diagnose einer einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung vergeben werden, muss die Symptomatik vor dem sechsten Lebensjahr begonnen haben. Finden sich neben den Merkmalen der einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung sich wiederholende und andauernde dissoziale, aggressive oder aufsässige Verhaltensweisen, muss die Diagnose „Störung des Sozialverhaltens“ vergeben werden, die mit F91 kodiert wird (ebd. 321).

Komorbide Störungen: Viele Kinder, bei denen ADHS diagnostiziert wurde, entwickeln komorbide Auffälligkeiten. Das betrifft fast ein Drittel der ADHS-diagnostizierten Kinder. Die begleitenden Störungen können laut Döpfner zu zusätzlichen Risikofaktoren führen (Döpfner/Frölich/Lehmkuhl 2000a, 7). Dazu zählen Störungen des Sozialverhaltens, affektive Störungen, Sprachentwicklungsverzögerungen, Ticstörungen (Lippen lecken, Grimassen schneiden, Schulter zucken, Zischen, Bellen) und Lernstörungen wie Lese- Rechtschreibstörung oder Dyskalkulie (Krowatschek 2003, 33, Heineman/ Hopf 2006, 12).